Kapitel 6 – Zum Straßencafé

Von meinem jetzigen Standort aus sah es wirklich verlockend aus. Kleine, weiße, niedrige Tische, an denen je zwei Klappstühle mit Metallrahmen und Holzsitzfläche standen. Etwa die Hälfte der Tische waren besetzt, was mir sympathisch war, so hatte ich die freie Wahl mir einen Platz zu suchen, der weit genug entfernt war von zu geschwätzigen Leuten.

Ja, jetzt einen Latte Macchiato, in einem dieser typischen hohen Gläsern mit den langen Löffeln, dazu eine von diesen italienische Süßigkeiten, die so unverschämt gut schmeckten und bei denen ich mich immer fragte, wo man die wohl kaufen konnte. Sicherlich nur in so einem italienischen Spezialitätenladen und nicht beim Supermarkt um die Ecke. Wie hießen diese Dinger nochmal? Wonach musste man da fragen? Es wollte mir einfach nicht einfallen. Lag es daran, dass ich mir nur zu selten den Luxus gönnte mich in ein richtiges Straßencafé zu setzen. Und woran lag es, dass ich mir dieses Vergnügen so selten gönnte. Scheiterte es meistens an meinem gefühlt knappen Budget, oder daran, dass ich einfach zu gehetzt durch die Stadt eilte, um mir die Zeit zu nehmen die verlockende Einladung anzunehmen.

Dabei war es doch keine große Sache. Man setzte sich hin, bestellte einen Kaffee, wartete, trank ihn aus und schaute sich dabei die vorbei flanierenden Menschen an, oder hielt einfach nur das Gesicht in die Sonne. Wenn man ausgetrunken hatte, dann bezahlte man und ging wieder seiner Wege. Das musste ja nicht immer Stunden dauern. Manchmal reichte eine viertel Stunde aus und man war in einer komplett anderen Stimmung als vorher. Und kosten tat das ganze nun auch nicht die Welt. Es war kein Kredit dafür nötig und die Kinder bekamen trotzdem noch am nächsten Tag etwas zu Essen.

Natürlich wäre es noch schöner, wenn man sich etwas mehr Zeit nehmen könnte. Vielleicht hätte man ein Buch dabei und könnte eine Weile versonnen darin lesen, oder man träfe sich mit einem Freund, oder gar mit der eigenen Ehefrau und verbrächte eine nette Stunde im intensiven Zwiegespräch, während man den Kaffee genoss, den man nicht vorher selber zubereiten musste. Das schon allein wäre eine kleine Portion Luxus, die man sich doch ab und zu gönnen darf, ohne gleich ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

In Mitteleuropa war die Saison für Straßencafés eh sehr begrenzt. Wann war es schon einmal lange genug an einem Stück warm und trocken. Sicher, es gab diese Heizpilze, oder auch wärmende Decken. Das hatten dann aber nichts von dem südländischen Flair, das man doch immer wieder damit in Verbindung brachte, sondern wirkte eher wie Sylt, wo die oberen Zehntausend ihren Wohlstand dadurch zur Schau stellten, in dem sie sich zu den unmöglichsten Jahreszeiten in den Strandbars tummelten und durch einen übermäßigen Verbrauch von Gas den Sommer selber produzierten und dabei ihren Kaffee tranken.

Der Gedanke an etwas Urlaubsfeeling steigerte meine Vorfreude, meine Schritte wurden federnder. Das Ziel fest im Blick war ich diesmal fest entschlossen mich nicht abhalten zu lassen. Was sollte mich jetzt auch noch schocken? Es war ja nur ein Café, dachte ich, bis wenige Meter vor den ersten Tischen des Cafés. Bis ich etwas weiter entfernt den Kellner zu Gesicht bekam. Ich sah ihn und er sah mich. Darauf war ich nicht eingerichtet.

Ein Mann. Keine süßes, junges Mädchen, vielleicht noch eine Studentin, mit Pferdeschwanz und keckem Lächeln, die sich gerne auch noch auf einen unverfänglichen Flirt einlässt. Dafür ein Mann. Kein besonders stattlicher. Nicht dieser Type sizialinische Mafia mit gegeelten Haaren und halb aufgeknöpften Hemd. Nein, er wirkte eher etwas klein und gedrungen und auch nicht wirklich südländisch. Dafür war es aber ein Mann und das war das letzte, was ich jetzt wollte.

In mir drin verkrampfte sich mein Magen. Was würde jetzt wieder kommen? Würde ich taxiert? Müsste ich mich jetzt wieder einmal in einem dieser typischen Hahnenkämpfe beweisen? Wer hat den Längsten? Wer ist der Coolste? Wäre ich Mann genug, um dem eindringlichen Blick stand zu halten? Würde ich das richtige bestellen, oder mich durch einen falschen Wunsch als totaler Dorftrottel und Weichei bloß stellen? In Gegenwart von Frauen konnte man immer noch den Mutterinstinkt beim Gegenüber wecken, oder wenigstens auf den liebenswerter-Trottel-Bonus hoffen. Bei einem männlichen Gegenüber galt es aber immer das Gesicht zu waren und darin war ich nun wirklich nicht gut.

Und er? Er hatte meine Unsicherheit gesehen, vielleicht hatte er sie sogar gerochen. Seine Körpersprache war da vollkommen eindeutig.

„Ich mach dich fertig. Ich werde dir zeigen, wie ein Mann zu sein hat. Du bist nur ein armes, bemitleidenswertes Würstchen. Du bist meiner nicht würdig.“

Und damit hatte er noch nicht einmal so unrecht. Ich fühlte mich so schlecht, so minderwertig, so wenig männlich, dass mir die Begegnung mit diesem Mann einfach eine Nummer zu groß war. Ich hatte gar keine Ambitionen mich mit ihm verbal und in Sachen Körpersprache zu messen. Ich hatte einfach keine Chance.

Und so machte ich auf meinem Absatz kehrt, verabschiedete mich von meinem Latte Macchiato und wandte mich Richtung des letzten mir noch verbliebenen Zieles.

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