Kapitel 5 – Zum Kaufhaus

Doch schon nach wenigen Schritte begann sich mein Gehirn zu beruhigen und sich auf die nächste Etappe meines Tagesprogramms einzustellen. Was mochte mich in diesem Tempel des Konsums erwarten? Vor meinem geistigen Auge entstand das Bild eines gepflegten Kaufhauses, mit edlem Interieur, wohldefiniertem Lichtkonzept, sanfter, unaufdringlicher Hintergrundmusik, hervorragend geschultem und zurückhaltendem Personal und einem Sortiment, das keinen Wunsch unerfüllt lassen sollte. Ich war schon in so manchem Kaufhaus in den großen Städten Europas gewesen und war immer gerne durch die Gänge geschlendert, hatte die Atmosphäre in mich aufgenommen und davon geträumt dort einkaufen zu können, ohne an das knappe Budget denken zu müssen, das mich dann doch immer wieder Richtung Ausgang trieb und in die weniger exklusiven Geschäfte, in denen ich dann meine Bedürfnisse zu befriedigen suchte.

Es waren die Elektro- und Buchabteilungen die mich magisch anzogen. In der Elektroabteilung konnte ich dem Kind im Manne freien Lauf lassen. Egal ob Unterhaltungselektronik, Fotoausrüstung, oder Computerzubehör, es gab immer etwas, das meine Aufmerksamkeit in seinen Bann zog und ich konnte Stunden lang durch die endlosen Gänge streifen, mich an den technischen Details erfreuen und mir die Nutzung dieser Gerätschaften in meinem eigenen Haushalt ausmalen. Da war es schon einmal möglich, dass ich eine ganze Weile vor den verschiedenen Boxen sitzen und dem glasklaren Klang lauschen konnte, oder das gestochen scharfe Bild der neusten, übergroßen Flachbildfernseher genoss. Und wie häufig stand ich schmachtend vor den aktuellsten Computern mit ihren üppig ausgestatteten Prozessoren und Festplatten, die doch nur darauf warteten von mir in Besitz genommen zu werden. Leider war es mir nur höchst selten vergönnt diese dann auch wirklich in ihre wahre Berufung auf meinem Schreibtisch zu führen.

Und Bücher. Ach Bücher waren schon immer eine große Leidenschaft von mir. Ich konnte abtauchen in eine andere Welt, folgte dem Helden des Krimis in die dunklen Ecken der Unterwelt, nahm an wilden Verfolgungsjagden teil und lösste die unmöglichsten Rätsel dieser Welt. Kein Spion war vor mir sicher, kein Code blieb ungeknackt und keine Frau konnte meinem Charme widerstehen. Egal ob Historie, Krimi oder Science Fiction, ich konnte einfach an keiner Buchhandlung vorbei gehen und liebte das Gefühl eine Papierseite in einem Buch umzublättern, wie der gelesene Teil des Buches immer dicker und der ungelesene immer dünner wurde.

Ich hatte schon wieder mehr als die Hälfte des Platzes überquert und hob den Kopf gerade weit genug an, um mir das Kaufhaus in voller Größe anschauen zu können. Von außen wirkte es durchaus gepflegt, die Fassade war schnörkellos und es gab nur einen einfachen Schriftzug über der Eingangstür. Die Schaufenster im Erdgeschoss waren mit elegant gekleideten Schaufensterpuppen bestückt, Menschen betraten und verließen das Haus, meist mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Das schien wahrlich kein schlechter Ort zu sein.

Wohin sollte ich mich zuerst wenden? Sicherlich gab es im Eingangsbereich eine Hinweistafel, auf der man erkennen konnte in welchem Stockwerk sich welche Abteilung befand. Ich würde einfach durch die große Eingangstür eintreten, kurz die Atmosphäre auf mich einwirken lassen und dann spontan entscheiden, was ich zuerst machen sollte. Am realistischsten sollte es wohl sein sich in der Buchabteilung in einen Konsumrausch zu begeben.

Hoffentlich waren die Verkäufer dort nicht zu aufdringlich. Wenn ich eines auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann waren es diese übermotivierten Verkaufstalente, die einen ansprachen, noch bevor man sich im Ladenlokal orientiert hatte. Ich war eher der Typ anonymer Käufer, der mit gesenktem Blick durch die Gänge streifte und dabei möglichst den Sprich-mich-nicht-an-Blick aufsetzte.

Es gab eh für mich nur zwei Kaufhausszenarien, wenn ich nicht gerade mit meiner Frau dort war. Entweder war ich ohne eine Kaufabsicht gekommen und wollte nur die Zeit totschlagen, oder meine Sinne stimulieren, oder ich hatte mich im Vorfeld schon intensiv mit einem Produkt auseinader gesetzt, Erfahrungsberichte im Internet gelesen, sowie Testberichte und mir meine Meinung zu dem Produkt meiner Wahl gebildet. Was ich dann überhaupt nicht haben konnte waren diese neunmal klugen Verkäufer, die mich von meiner einmal getroffenen Entscheidung abbringen wollten, dabei mit ihrem vorgetäuschtem Fachwissen meinen Laienverstand verunsicherten und mich mit einem schlechten Gefühl unverrichteter Dinge wieder gehen ließen. Aus diesen Gründen hatte ich in der Vergangenheit den Einkauf via Internet dem direkten Einkauf im lokalen Fachhandel vorgezogen.

Oh, ich sah ihn schon vor mir, diesen wissenden Blick, diese überhebliche Art des Fachmannes, der nur darauf wartete den Fundus seines Wissens über den Unwissenden auszuschütten. Und ich sollte das bemitleidenswerte Opfer sein. Ich, der ich doch nur ein paar unbeschwerte Augenblicke des Stöberns erleben wollte, unbeobachtet von Frau und Verkäufer, befreit von der schweren Last auf zwei vogelwilde Kinder aufzupassen, die jeden Moment ein mittelschweres Chaos anzurichten vermochten.

Warum war es mir nicht vergönnt einfach einen freien Tag zu genießen? Warum machte mir mein Kopf immer wieder einen Strich durch die Rechnung? Warum durfte ich nicht einfach nur unbeschwert ein Kaufhaus betreten und so tun, als ob es das normalste der Welt wäre und nichts, über das man sich schwerwiegende Gedanken machen müsste? Immer wieder war da der kleine Mann in meinem Kopf, der auf mich einredete und mir ausmalte, was andere über mich denken mochten, wie sehr ich mich blamierte, ich, der sich in den einfachsten Momenten des Lebens völlig unangebracht verhielt, der die gängigsten Regeln des Zusammenlebens nicht beherrschte. Der Gang in ein Kaufhaus beschäftigte niemanden so stark in seinem Gehirn wie mich.

Und so hielt ich wieder inne, blieb stehen und versuchte dabei nicht völlig verunsichert zu wirken. Meine Gedanken fuhren Karusell, so dass mir fast schon schwindelig wurde. Wenn mich jemand in diesem Moment angesprochen hätte, ob es mir gut ginge und ich Hilfe bräuchte, ich wäre nicht in der Lage gewesen darauf eine befriedigende Antwort zu geben. Ich war vollkommen verunsichert und mir nicht im Klaren darüber, was mit mir los war. Und wenn ich auch nach außen nicht verunsichert wirkte, ich war es.

Und schon wieder war es soweit. Es ging nicht, ich konnte keinen Schritt in das Kaufhaus setzen. Dieser Ort war in meinem Kopf bereits verseucht und ich musste wieder einmal umdisponieren. Es mangelte ja auch nicht an Alternativen. Da war ja immer noch das Straßencafé und der Park. Irgendwo würde mein verwirrter Geist doch sicherlich Ruhe geben und mich einfach ankommen lassen.

Ich drehte also erneut ab und fixierte mein neustes Ziel, das Straßencafé.

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