Kapitel 4 – Zum Fitness Center

Und so machte ich dann den wirklich ersten Schritt. Und diesmal war es ein echter Männerschritt, kraftvoll und zielgerichtet. Einen Schritt raus aus dem Zentrum des Platzes, hin in Richtung Fitness Center.

Klar, erst die Arbeit dann das Vergnügen. Erst den Körper an seine Grenzen bringen, die Seele frei laufen, den Geist von allen störenden Gedanken befreien, den inneren Schweinehund überwinden und den Körper mit Glückshormonen überfluten. Danach vielleicht ein bisschen saunieren, duschen und ab auf die Piste.

Von weitem konnte ich die genaue Ausrichtung dieses Fitness Centers noch nicht erkennen. Hoffentlich war es nicht so ein Billgladen, in dem sich die ganzen möchtegern Bodybuilder in ihren Unterhemden vor dem Spiegel selbst bewundern, dafür aber abschätzig auf die ganzen hühnerbrüstigen Anfänger herab sehen, die zu Jahresbeginn, von guten Vorsätzen angetrieben, in die Tempel des Körperkultes strömten, um ihren Winterspeck abzubauen und den Rettungsring auf ihren Hüften bis zum nächsten Strandurlaub wieder einzudampfen. Das ganze durfte dann aber auch nicht mehr als 20 Euro im Monat kosten, denn spätestens nach zwei Monaten war der erste Elan verschwunden und dann ärgert man sich über die enormen Monatsgebühren für den Business Class Club, den man eh nicht besucht.

Als solcher hatte ich mich nie angesehen. Früher war ich eigentlich recht sportlich, hatte in meiner Kindheit Fußball gespielt und auch während meines Studiums versucht mich mit Laufen einigermaßen fit zu halten. Das war dann leider mit den Jahren und wachsender Kinderzahl immer mehr eingeschlafen. In meinem Herzen war ich aber immer noch der sportlich agile Jüngling mit vollem Haar, der seine Sportlichkeit einfach nur wieder zum Leben erwecken musste. Und hier war meine Chance. Direkt vor meinen Augen, nur wenige Meter von mir entfernt.

Das andere Extrem zu der Low Cost Variante des Ortes körperlicher Ertüchtigung wäre dann der First Class Fitness Club, mit eigenem Restaurant, Personal Trainer und Dresscode. Da würde ich mich auch nicht gerade wohl fühlen. Wenigstens schwitzen wollte ich in meinen abgewetzten Sportklamotten. Ich ziehe mir doch kein Designershirt an, nur, um ein paar Kilometer auf dem Laufband herunter zu reißen. Ich brauche auch kein italienisches Mineralwasser nach dem Training, der Schluck Wasser aus dem Hahn reicht da vollkommen aus. Und überhaupt das Publikum in sochen Einrichtungen. Die eine hälfte sitzt die ganze Zeit nur in der Saune und ist auf der Suche nach lohnenden Geschäftskontakten. Meistens handelt es sich dabei um das männliche Geschlecht. Deren bessere Hälfte dagegen verbringt mehr Zeit in der Umkleidekabine, um sich für das fünfminütige Training auf der Crosstrainer auf Vordermann zu bringen.

Nein, das passt nicht zu mir. Ich wäre die ganze Zeit gehemmt. Ich wollte mich doch erholen an diesem glücklichen Tag und nicht angestrengt so tun, als ob ich der große Held wäre, der riesige Budgets zu verwalten hätte und nebenbei ehrenamtlich die Welt rettet. Nein, das wäre nichts für mich.

Und überhaupt. Meine verschwitzten Sportklamotten inklusiver ausgetretener Joggingschuhe lagen ja zu Hause im Kleiderschrank. Was um alles in der Welt sollte ich da drin anziehen? Sicher, in einem qualitativ hochwertigem Club hätten sie bestimmt die passenden Sachen für mich bereit liegen. In der arme Leute Version dürfte ich froh sein, wenn ich mich nicht mitten zwischen den Laufbändern umziehen müsste. Mhm, was sollte ich tun? Ich war da ja auch gar nicht Mitglied und jetzt das ganze Schnuppertrainingsprozedere durchziehen, mit Fragebogen und Einstufungstraining war mir dann doch zu aufwändig. Ich wollte doch nur ein paar Kilometer auf das Laufband und keine wissenschaftliche Bestimmung meines Fitnessgrades. Das der eher im unterdurchschnittlichen Bereich lag war mir auch so klar. Dafür mussten die nicht meinen Laktatwert bestimmen, meinen BMI und meine WHR.

Konnte man denn noch nicht einmal in Ruhe etwas Sport treiben, ohne in die Fänge der Gesundheitsapostel und Werbeprofis zu kommen, die es nur auf meine persönlichen Daten und mein Geld abgsehen hatten. Ich wusste, dass ich zu viele Kilos auf die Wage brachte, mich ungesund ernährte und viel zu wenig bewegte. Da musste mir nicht so ein unterernährtes Püppchen, das mit gerunzelter Stirn auf die Auswertung meiner Testergebnisse schaute, ins Gewissen reden und erzählen, welche Diät ich denn am besten mit dem von ihr persönlich konzipierten Workout kombinieren sollte. Am besten noch Vegan und ohne Alkohol. Nein danke. Ich hatte genug.

Überhaupt. Ich wusste doch gar nicht wie viel Zeit mir an diesem wunderschönen Ort noch blieb und da wollte man dieses kostbare Gut doch nicht mit dem schinden des eigenen Körpers verschwenden. Abrupt blieb ich stehen. Egal was die Supersportler auf ihren Laufbändern, die ihre weißen iPod-Ohrstöpsel in den Ohren trugen, den iPod selber an einem Gummiband am Oberarm und dabei durch die große Panoramascheibe auf mich herab sehen konnten, auch über mich denken mochtenr. Ich bewegte mich nicht vom Fleck und horchte in mich hinein. In meinem Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Sollte ich, oder sollte ich nicht? Pro oder Kontra? Mut zur Blamage, oder lieber den sicheren Weg gehen, umdrehen und Richtung Kaufhaus gehen? Da stand ich nun, wenige Meter vom Eingang des Fitness Centers entfernt, dem ersten Ziel meines freien Tage, den Oberkörper schon leicht vom Eingang weg gedreht und war mir unsicher was nun zu tun sei. Jetzt musste es schnell gehen. Ich wollte ja nicht wie ein totaler Idiot hier rumstehen und am besten noch wild gestikulierend mit mir selbst einen Argumentationswettstreit ausfechtend. Und gerade dieses schnelle Entscheiden viel mir so unsagbar schwer. Je länger ich da stand, desto konfuser wurden die Gedanken in meinem Kopf. Eigentlich wollte ich da doch rein gehen. Ich war doch kein Feigling. Ich war cool. Ich war ein Kerl, aktiv, kein Opfer.

Und doch wandt ich mich um, mich selbst für meine Feigheit und Unentschlossenheit verfluchend und begann Richtung Kaufhaus zu trotten, so lässig es eben ging.

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