Kapitel 2 – Erste Orientierungsversuche

Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse, um mich zu orientieren. Das war gar nicht so einfach, denn in meinem unmittelbaren Gesichtsfeld gab es keine Anhaltspunkte, an denen ich mich orientieren konnte, nur die hellgrauen Pflastersteine. Ich musste meinen Kopf also ein gutes Stück anheben, um den Rand des Platzes erblicken zu können. Ich versuchte die Entfernung abzuschätzen. Es konnten 200 Meter sein, oder auch mehr. An den Rändern konnte ich Gebäude ausmachen, ich glaubte auch Menschen entdecken zu können.

Es musste eine erhebliche Distanz zwischen dem Zentrum des Platzes und seines Randes liegen. Mir viel auf, dass ich kein einziges Geräusch vernehmen konnte. Keine Gespräche drangen zu mir herüber, auch keine Auto- oder Flugzeuggeräusch. Er war einfach nur Still. Ein himmlisches Gefühl. Das war ein echtes Kontrastprogramm zum Start in mein wohlverdientes Wochenende. Er war geprägt von Lärm.

Lärm ist für mich immer ein großes Problem. Es ist nicht nur so, dass er mich nervt, so wie einen eine Mücke in der Nacht nervt. Lärm verursacht bei mir regelrecht körperliche Schmerzen. Ohrstöpsel sind meine ständigen Begleiter und wann immer mir es möglich ist, dann ziehe ich mich zurück, wenn die Geräuschkulisse um mich herum einen gewissen Pegel übersteigt. In einem Haushalt mit zwei Kindern ist es nahezu unmöglich einen ruhigen Ort zu finden. Kinder haben keinen Lautstärkeregler. Es gibt sie nur in den beiden Stufen laut und sehr laut. Wenn man dann noch in einem engen Reihenhaus wohnt, in dem jeder Quadratmeter Raum sinnvoll genutzt wird, dann gibt es nur sehr wenige Rückzugsmöglichkeiten.

Und so kam es immer wieder vor, dass ich mich in besonders anstrengenden Momenten im elterlichen Schlafzimmer wieder fand, das Kissen über den Kopf gezogen, hoffend, dass es bald an der Zeit sei die Kinder zum Musikunterricht, oder zum Kinderarzt zu fahren, oder eben, dass es Zeit war die Brut ins Bett zu bringen. Das war dann immer einer der schönste Augenblicke des Tages, wenn die Kinder abends in ihren Betten lagen, die Frau mit einer Freundin zum Kino-Abend unterwegs war und ich in aller Ruhe ein Buch lesen konnte. Absolute Stille.

So kam ich mir im Moment vor. Ich hörte so gut wie nichts. Klar, da war das Geräusch meines Atems. Er war erstaunlich ruhig und gleichmäßig für meine aktuelle Situation. Ich hörte auch den Wind, ein leises Rauschen. Diese Geräusche aber hörte ich mit einem wohligen Gefühl. Sollte dieser Ort etwa gar nicht so schlimm sein? Für einen Moment kam in mir der Gedanke auf, dass ich an einem Herzinfarkt gestorben sein könnte und jetzt im Himmel war. Aber auch diese Möglichkeit verwarf ich schnell wieder. Ich konnte mich an kein helles Licht erinnern, hatte keine steile Treppe gesehen, von Petrus keine Spur und Harfenklänge hatte ich mir auch ganz anders vorgestellt. Wo auch immer ich war. Es war ein leiser Ort und leise war schön.

Ich versuchte mir ein Bild von den Gegenbenheiten am Rand des Platzes zu machen. Da war ein mehrstöckiges Gebäude, mit einer Leuchtreklame an der Fassade, die unablässig blinkte. Ein Kaufhaus? Ein Stück weiter sah ich einzelne Tische mit Stühlen daran und Sonnenschirme. Ein Straßencafé? Als nächstes kamen Bäumen in mein Blickfeld und Sträucher. War das eine Parkbank? Spielten da Männer Fußball? Oh ja, es war ein Park.

Dabei viel mir auch auf, dass am Himmel keine einzige Wolke zu sehen war. Es wehte eine leichte Brise. Die Temperatur war perfekt. Ein schöner Tag, um in den Park zu gehen, oder in einem Straßencafé eine Tasse Kaffee zu trinken. Vielleicht mit einem guten Buch, das Kaufhaus war ja direkt nebenan.

Was fehlte noch? Ich drehte mich noch ein Stück weiter und erblickte ein weiteres Gebäude. Es war auch mehrere Stockwerke hoch, so wie das Kaufhaus, hatte eine komplett verglaste Fassade, durch die man in das Innere gucken konnte. Ich musste die Augen zusammen kneifen, um die Details erkennen zu können. In diesem Moment fiel mir ein, dass ich dringend meine Augen untersuchen lassen musste. Um meine Sehkraft war es nicht mehr so gut bestellt. Doch dann glaubte ich aneinander gereihte Laufbänder erkennen zu können. Ja, ich konnte einzelne Menschen sehen, die offensichtlich liefen und dabei nicht von der Stelle kamen. Ein Laufband, ohne Zweifel. Es musste sich bei dem Gebäude also um ein Fitness Center handeln. Auch keine schlechte Idee. Ich hatte mir schon seit einiger Zeit vorgenommen mich mal wieder etwas intensiver um meinen Körper zu kümmern. Die Früchte meiner Büroarbeit, dem Fernseh gucken und dem Bier trinken waren unübersehbar auf meinen Hüften zu begutachten. Es war kein schöner Anblick. Etwas Sport würde mir sicherlich gut tun und den Geist frei machen.
Ok, es hätte schlimmer kommen können. Ich war aus mir unerklärlichen Gründen aus meiner samstäglichen Routine an einen sonderbaren Ort versetzt worden, der das Potenzial hatte mir einen schönen Tag zu bescheren. Ich wusste immer noch nicht wo ich war, wie ich dort hin gelangt war und was ich dort sollte. Ich war aber fest entschlossen nicht im Zentrum des Platzes stehen zu bleiben und mir das Hirn darüber zu zermatern, um Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Hier stand ich nun und wollte das Beste aus dieser Situation machen. Egal wie eigenartig sie auch sein mochte. Ich war bereit micht dieser Situation zu stellen.
Also machte ich mich auf den Weg.

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