Kapitel 1 – Wo bin ich?

Ich hatte keine Ahnung, wie ich an diesen Ort gelangt war. Von einem Augenblick auf den anderen stand ich plötzlich in der Mitte dieses riesigen Platzes. Auf den ersten Blick wirkte er kreisrund, kreisrund und penibel gepflastert. Es waren kleine, quadratische, hellgraue Steine, in regelmäßigen konzentrische Kreise um das Zentrum herum verlegt. In regelmäßigen Abständen hatten die Erbauer des Platzes anthrazit farbene Steine benutzt, wodurch der Kreis in einzelne Scheiben unterteilt wurde. Wie weit mochten sie voneinander entfernt sein? Waren es 50 Meter, oder mehr? Unter meinen Füßen waren die Pflastersteine zu einem einzigen, dunklen Punkt, der das Zentrum dieses Platzes markierte, verdichtet. Fast wie eine Zielscheibe. Was sollte das sein? War ich das Ziel?

Instinktiv sah ich zuerst auf meine Hände, eine Reaktion, die ich in vielen Filmen gesehen hatte und die den Protagonisten zuerst in den Sinn zu kommen schien, wenn sie sich unerwartet in einer neuen Situation wieder fanden. Ich sah auf die Innen- und Außenfläche, wusste aber nicht, auf was ich dabei zu achten hätte. Es waren immer noch fünf Finger an jeder Hand. An meinem rechten Ringfinger steckte immer noch mein Ehering. Die Wunde des Hundebisses, der mich seit meiner Kindheit daran erinnert wo links ist und dass ich Angst vor Hunden hatte, befand sich immer noch an der selben Stelle auf dem Handrücken meiner linken Hand. Alles schien normal.

Als nächstes griff ich mir ins Gesicht. Ich konnte keine Auffälligkeiten erkennen. Ich hatte mich heute Morgen nicht rasiert und so konnte ich meine Bartstoppeln ertasten, ebenso wie meine Brille. Was hatte ich erwartet? Einen Schuppenpanzer, oder ein drittes Auge, sechs Finger an jeder Hand und einen buschigen Schwanz, mit dem ich wedeln konnte? Ich griff reflexartig nach hinten und stellte erleichtert fest, dass sich auch dort nichts befand, was dort nicht schon vorher gewesen war.

Eben noch saß ich in meinem Haus am Frühstückstisch, meine Familie um mich herum versammelt, meine Frau, meine Tochter und ihr kleinerer Bruder. Es war Samstag, da war ich mir sicher. Ich war als erster aufgestanden, hatte geduscht und mir die Sachen angezogen, die ich am Abend zuvor im Badezimmer deponiert hatte, damit ich niemanden stören würde. Ich hatte Brötchen gekauft, wie ich es an jedem Samstag tat, Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Samstag anders verlaufen sollte, als die Samstage davor. Die Kinder stritten sich darum, wer welche Brötchenhälfte essen durfte, meine Frau versuchte zu schlichten und ich war einfach nur genervt. Genervt, weil sich wieder einmal meine so lang ersehnte morgendlich Ruhe in Lärm auflöste. Keine gesitteten Gespräche, keine friedliche Tagesplanung und auch kein entspannter Wochenrückblick. Dafür Gezeter und Geschrei. Na toll.

Eigentlich wollten wir diesen Tag doch ruhig angehen lassen. Die Woche war anstrengend genug gewesen. Stress auf der Arbeit und Stress zu Hause. Ärger mit dem Chef und Ärger mit den Kindern. Es war jetzt nicht so, dass die Woche schlimmer war als die Wochen davor. Ich hatte halt nur jeden Freitag Abend die selbe Hoffnung, dass das Wochenende mir die Möglichkeit geben würde mich zu erholen und die Dinge zu tun, die mir wirklich Spaß machten.

Und dann, ohne eine Vorwarnung, stand ich da. Ich saß nicht mehr, ich stand. Wie konnte das passieren? Wer hatte mich hier her gebracht? Und vor allen Dingen, wo war ich?

Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich mich bewegt hätte. Was war das letzte, an das ich mich erinnern konnte? Hatte ich gerade eine Kaffeetasse in der Hand, oder ein Brötchen? War ich in Gedanken versunken, oder hatte ich einen meiner berüchtigten Wutanfälle? Nichts. Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich hatte einen kompletten Filmriss.

Hatte ich gestern Abend etwas getrunken und mir die morgendliche Familienidylle nur erträumt? War ich mit meinen Kollegen unterwegs und die hatten mir einen bösen Scherz gespielt? Meiner Frau sollte es doch aufgefallen sein, dass ich nicht nach Hause gekommen war. Sicherlich hat sie schon die Polizei gerufen und die suchte bereits nach mir mit Hubschraubern und Suchhunden. In der Wäsche sollte sich sicherlich noch eine benutzte Unterhose finden lassen, die man den Tieren vor die Nase halten konnte, um  meine Witterung aufzunehmen. Es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man mich fand.

Ich hatte aber gar keine Kopfschmerzen. Das war komisch. Ach was, komisch. Das war unmöglich. Ich vertrage keinen Alkohol. Kleinste Mengen reichen aus, um mir den nächsten Tag gehörig zu verderben. Mein Magen brauchte dann zwei Tage, um wieder normal zu funktionieren. Und die Kopfschmerzen. Nein, ich hatte gestern doch nichts getrunken? Warum konnte ich mich dann nicht daran erinnern wie ich an diesen Ort gekommen war?

Ich schloss die Augen und versuchte mich zu konzentrieren. Ich ließ noch einmal die letzten Stunden vor meinem geistigen Augen Revue passieren. Bett, Badezimmer, Bäcker, Kaffeemaschine, Frau, Kuss, Kinder, Haare wuscheln, hinsetzen, Streit, und dann? Nichts. Es half nichts. Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Es hatte keinen Zweck. Ich musste mich erstmal mit der Situation abfinden und sehen, wo ich war. Vielleicht fiel mir ja später noch etwas mehr dazu ein.

Na ja, so schlimm war es doch auch gar nicht.Ich war zumindest alleine auf diesem Platz. Keine Frau, keine Kinder, kein Chef, keine nervenden Nachbarn waren  um mich herum. Wenn man einmal die totale Verunsicherung abzog, die in mir aufkroch, weil ich von einem Augenblick auf den anderen an einen mir fremden Ort verfrachtet worden war, ging es mir eigentlich gut. Vor mir standen keine drohenden Horden blutrünstiger Verbrecher, ich wurde demnach nicht aktiv bedroht, hatte auch keine Schmerzen, mir war nicht kalt und ich litt auch keinen Hunger.

Ich war einfach nur alleine und ich genoss diesen Moment der Einsamkeit als eine wohltuende Abwechslung zu meinem sonstigen Programm. Niemand war da, der auf mich einredete oder mir Anweisungen gab. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Ich konnte meinen weiteren Aktivitäten frei bestimmen. In meinem Gehirn begann sich ein Gedankenstau zu entwickeln. Freie Aktivitätenwahl, unendliche Möglichkeiten, was sollte ich als erstes tun, was danach und was als letztes? Ich musste mich erstmal beruhigen und mich neu orientieren. Nur, was konnte ich hier überhaupt tun, außer nachzudenken.

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